Heute morgen während des ‚Anknens’ stiess Esther auf einmal einen lauten Schrei aus. ‚Iiiih e Tuube.’ Ich war gerade im Milchgaden dabei Mutschli zu vakumieren und habe gedacht, ich hätte mich verhört. Neugierig ging ich in die Küche. Und wer sass da neben der Eingangstür, eine graue aufgeplusterte Taube. Als wir das erste Staunen überwunden hatte, hat Esther schnurstraks die Tür geöffnet und Frau Taube ist ganz selbstverständlich herausspaziert. Als Belohnung gab es noch ein paar Krümel von der Sonntagszüpfe. Und jetzt erzählt die Taube weiter.

Als ich heute morgen das erste Auge geöffnet hatte, sah ich nur eine graue Nebelwand. Etwas frustriert schüttelte ich den Kopf und habe meine Federn gebüschelt. Heute sollte nämlich ein spezieller Tag werden. Ich hatte mir schon lange in den Kopf gesetzt, dass ich noch einmal den Tannisboden sehen möchte in meinem Leben. Und jetzt da all die Wanderer von den neuen ALP-KIOSK erzählen, war ich mir sicher einige ‚Bromsen’ vom vergangenen Sonntag ergattern zu können. Was für ein Festmahl.

Und ich wurde nicht enttäuscht, zwar war der Flug etwas anstrengend in meinem Alter, und meine Augen sind nicht mehr, was sie einmal waren, dennoch habe ich die schöne Kuhherde mit momentan 18 Kühen gesehen. Gfellers lassen die ‚Guschtkühe’ nämlich jetzt an einem anderen Ort weiden. Kaum gelandet, habe ich auch schon die günstige Gelegenheit genutzt in die Küche zu schlüpfen um erst einmal Wärme zu tanken und meine nassen Flügel zu trocknen. Doch schon hat Esther Gfeller mich entdeckt. Statt mit einem Besen auf mich loszugehen, ja ich habe schon viel erlebt in meinem Leben (In Thun schläfen sich jährlich 150 von meinen Verwandten ein.), hat sie mir aber die Haustüre geöffnet. Was für eine gütige Sennin.

So bin ich nach draussen spaziert und habe den ALP-KIOSK genauer inspiziert, natürich von aussen, denn als Taube bin ich mehr an Brosmen interessiert, als an Kühlschränken. Einige wenige habe ich auch gefunden, allerdings kam Esther dann auch schon mit ein bisschen Butterzopf. Selbst als Taube schmecke ich da die Alpbutter. Genüsslich habe ich die ‚züpfe’ gepickt und Gfellers beim Käsen zugehört. Die kleine Alphelferin sagte zum Beispiel so etwas Komisches wie: „Du Esther, ds Schiff dampfet.“ Ich kann mir keinen Reim darauf machen, aber wer weiss, was diese Hütte alles zu bieten hat. Ansonsten haben sie wenig gesprochen, wahrscheinlich wissen sie alle relativ gut, was sie wann tun müssen. Um halb zwölf gab es dann Zmittag, Filet im Teig mit Kartoffeln und Gemüse.

Wahrlich ein schönes Leben auf dem Tannisboden, auch wenn es heute nur einmal geregnet hat. Der richtige Ort um mich von der hiesigen Welt zu verabschieden. Und so habe ich dann am späten Nachmittag noch ein letztes Mal meine Flügel gespreizt und bin ins Licht geflogen.

 

Immer noch regnet es, die Taube hat den Himmel dennoch gefunden. Im Tal tobt die Emme durch ihr Flussbett. Man hofft allgemein auf ein baldiges Ende, damit das zum Teil vom Hagel malträtierte Futter trocknen und vorallem gemäht werden könnte, ansonsten fault es. Andererseits warnen bereits verschiedene Quellen vor einer Mückenplage. Nehmen wir es, wie es kommen mag. „Die Natur hat immer Recht.“ Meine momentane Lektüre von Maurice Méssegué. Der Regen hat auch etwas Gutes, ich habe in fast eineinhalb Monaten nun bereits 52 Seiten gelesen.

 

Nämit ou es Buech füre u regit nech nid uf abem Räge.