Balsam für Älpler-Seelen

Stahlblauer, wolkenloser Himmel. Seit langer Zeit kann ich den heutigen Text am frühen Sonntagmorgen wieder mal an der Sonne auf dem Hüttenbänkli verfassen. Wie schön! Es tut so unheimlich gut. Der Wildstrubel und der Gletscher sehen strahlend weiss aus und ziehen mich in ihren Bann. Die Kälber fressen gleich nebenan die feinen Kräuter und benehmen sich fast ein bisschen grossspurig, verhalten sie sich doch wie grosse Kühe und schauen vor lauter Fressen kaum einmal vom Boden auf.

In der letzten Woche erlebten wir viele Hochs und Tiefs. Es begann mit dem Unfall von Alfred, Simons Vater und unserem Chef. Er hatte etwas Glück im Unglück und konnte sich noch fast ganz vor dem stürzenden Transporter in Sicherheit bringen – doch eben nur fast. Nun liegt er seit einigen Tagen mit einem zertrümmerten Bein im Spital und muss sich komplizierten Operationen unterziehen. Viel Kraft & Geduld, Alfred!

Kurz darauf ein weiterer Tiefschlag: Mira, eine der besten Kühe, stürzte beim morgendlichen Eintreiben bei der unteren Hütte “Zimmerboden” so unglücklich, dass keine Hoffnung mehr bestand. Unglaublich, denn unsere Alp weist eigentlich keine allzu steilen Hänge auf. Nach dem Sturz und einem Aufsteh-Versuch stürzte sie erneut und starb auf der Stelle. Ob der Sturz selbst oder ein Herzversagen der Grund dafür ist, werden wir wohl nie erfahren. Für einen Älpler ist das gefühlsmässig so ziemlich das Schlimmste, was passieren kann. Da es oft nicht die eigenen Kühe sind, ist es furchtbar, den Besitzer benachrichtigen zu müssen. Schliesslich will man nichts sehnlicher, als guten Käse zu machen und die Kühe wohlbehütet und vollzählig an die Besitzer zurückbringen zu können. Doch immer wieder geschehen Unfälle und niemand trägt Schuld. Das regnerische Wetter war für einmal ganz passend und unserer Stimmung entsprechend.

Dann zwei Tage später ein Lichtblick: Prinzessin hat gekalbt. Ein wunderschönes “Chüeli” kam zur Welt und verzauberte uns alle auf der Stelle. Beide sind wohlauf und das Kleine wurde gut von den anderen beiden älteren Kälber Dolly & Pierrette aufgenommen. Obwohl – es ist so süss – die beiden Älteren eine Heidenangst vor dem Frischling hatten. Sie trauten sich kaum an ihren Platz und fragten sich wohl, woher die neue Nachbarin kommt. Immer wieder empfinde ich es als Wunder, das ein so grosses Lebewesen im Bauch der Kuh Platz gefunden hatte und in kurzer Zeit bereits selbstständig stehen kann. Einfach faszinierend!

Im Weiteren durften wir diese Woche wieder drei Gruppen begrüssen, eine davon war erneut eine Hochzeitsgesellschaft. Als Frau ist das immer spannend, kann ich doch wieder mal hübsche Kleider und schöne Schuhe bestaunen. Manchmal findet sich sogar jemand um darüber zu lästern… Schliesslich kann ich mit meinen Jungs und den Zimmerboden-Sennen schlecht über Nagellack, Schuh-Absätze und Frisuren diskutieren.

Jetzt wird es (voraussichtlich) wieder etwas ruhiger und wir tanken soviel Sonne als möglich. Die Zeit verfliegt, morgens ist es jetzt eisigkalt und erinnert uns daran, dass der Herbst in den Bergen schon bald vor der Tür steht. Am 6. September findet die traditionelle Site-Chilbi statt, also bitte den Termin bereits jetzt reservieren.

Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen & Leser, einen herrlichen Sonntag!

Liebe Grüsse

Nadja