Werner und die Oberstockenalp

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von Livia Bühler | Oberstockenalp

18.08.2025

Mit 62 Jahren bereits den 63. Sommer auf der Alp – das ist Werner Bühler!

63 Sommer «z Bärg»

Mein Vater Werner ist 62 Jahre alt und geht dieses Jahr zum 63. Mal «z Bärg» auf die Oberstockenalp. Zum ersten Mal war er als vier Wochen altes Baby dort und hat seither keinen Alpsommer ausgelassen. Die Oberstockenalp ist für ihn also weit mehr als nur ein Arbeitsort, es ist seit je her sein Zuhause.

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Frühe Jahre und erste Verantwortung

Mit 12 oder 13 Jahren stellte er zum ersten Mal Käse her – damals war die Käsepresse für ihn noch fast zu schwer, er konnte die Gewichte kaum anheben. Die Schulzeit war für ihn mit 16 Jahren vorbei, danach absolvierte er seine Lehre als Zimmermann. Mit 19 hatte er seinen ersten Sommer als Chefküher – seither hat er diese Rolle jedes Jahr. Auch in der Lehre als Zimmermann nahm er alle seine Ferien, um im Sommer auf der Alp zu arbeiten. Später bezog er im Sommer jeweils drei Monate unbezahlten Urlaub, heute sind es meist vier. Heute arbeitet Werner übrigens immer noch bei derselben Firma, in der er auch seine Lehre gemacht hat.

Vom Feuer zur Käsepresse

Früher stand nur eine einfache Feuergrube in der Küche. 1971 wurde diese durch einen Kessiofen ersetzt – das erste Kessi hatte ein Fassungsvermögen von 150 Liter. 2003 folgte ein weiterer Umbau mit einem grösseren Kessi (diesmal mit 300 Liter Fassungsvermögen). Bis dahin reichten 12 Milchkühe, danach wurden es ungefähr 20. Diese kommen seit Jahren vom gleichen Bauern (der auch mein Götti ist). Die Käsepresse selbst stammt noch von 1949 – dem Jahr, in dem die jetzige Hütte gebaut wurde. Das Einzige, was sich daran geändert hat, sind die ausgetauschten Gewichte (also grosse Steine) – die alten waren zu leicht.

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Ein Familienbetrieb

Bis 1989 führte mein Grosi, also Werners Mutter, die Alpwirtschaft. Danach übernahm Werner zusammen mit seiner Frau Vreni den Betrieb. Auch seine Brüder und diverse Angestellte halfen mit. Anfangs arbeitete je eine Person im Berggasthaus und in der Landwirtschaft, ab den 2000er-Jahren kam eine Aushilfe dazu.

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Später waren es drei Angestellte, wegen dem Stärnebett ab 2021 sogar vier. Werner hat vier Kinder: Ruedi, ich, Luisa und Anna. Wir wuchsen genauso wie mein Vater und seine Geschwister im Sommer auf der Oberstockenalp auf. Im Sommer war unsere Familie noch ein bisschen grösser, denn die Angestellten gehören jeweils auch dazu. Mein Bruder Ruedi war schon als nur wenige Tage altes Baby das erste Mal auf der Alp.

Stockhornbahn und Infrastruktur

Wie erwähnt haben wir bei uns auf der Alp nur Sömmerungsvieh, im Tal hat meine Familie keinen eigenen Bauernbetrieb mehr. Dieser wurde 1973 ein Jahr nach dem Tod meines Grossvaters aufgegeben und verpachtet. Mein Grosi führte aber weiterhin das Berggasthaus. Seit 1968 wird auf der Alp nämlich auch gewirtet, in diesem Jahr ging die Stockhornbahn in Betrieb. Anfangs gab es neben der Beiz nur wenige Betten, dann ein Matratzenlager. 1980 wurde das heutige Matratzenlager gebaut, das bis zu 30 Personen Platz bietet. Ab 2020 kamen Doppelzimmer in der Hütte und die drei «Stärnebett»-Iglus draussen dazu.

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Seit dem Bau der Stockhornbahn gab es eine Transportbahn zu unserer Alp. Zu Beginn wurde das Material bis nach oben zur Bergstation und mit der von einem Benzinmotor und einer Seilwinde betriebenen Bahn hinunter zur Oberstockenalp befördert. Dies änderte sich 1984, als eine neue Bahn gleich neben der Mittelstation Chrindi gebaut wurde. Dies war ein grosser Fortschritt, da nicht nur eine Sektion ausgelassen werden konnte, die Endstation war auch gleich bei der Hütte und nicht noch einige Meter weiter.

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Veränderungen

Ein weiterer Meilenstein im Älplerleben von Werner war das Einziehen von Strom in die Hütte, früher mit einer kleinen Solaranlage, seit diesem Jahr am Stromnetz. Vorher wurde alles von Hand gemacht: Melken, Käse rühren, Fleisch schneiden und so weiter. Diese Arbeit wird heute von verschiedenen Gerätschaften übernommen. Werner sagt, dass dies mitunter die grösste Veränderung war. An der Hütte wurde neben dem Strom über die Jahre einiges gebaut, verändert und verbessert.

Tiere, Transport und Veränderungen

Früher wurden mit dem Ross «pfudlet», später ersetzte ein kleiner «Huki» das Tier. Laut Werner war «Jöggu», das Ross, nicht besonders gut – besser war «Priska», ein selbst gezüchtetes Pferd.

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Schweine gehören für ihn am Berg auch immer dazu, heutzutage eingezäunt, vorher mit Nasenringen und frei herumlaufend, was heute nicht mehr erlaubt ist. Katzen gab es manchmal, manchmal nicht.

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Werners Vorfahren am Berg waren mehr Viehzüchter als Käser, so wurde auf der Alp mehr Munis, Gustis und Kalber gezüchtet. Käse wurde vor allem für den Eigenbedarf produziert. Heute ist die Herstellung von Käse viel zentraler. Die Gustis hatten früher alle auch Hörner, heute sind sie meist hornlos. Eine Arbeit, die heute auch nicht mehr gemacht wird, ist Wildheuen.

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Was Werner am liebsten macht

Die Tage als Älpler sind vielleicht lang, aber bieten auch sehr viel Schönes. Danach gefragt, was ihm am besten gefällt, antwortet Werner:

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«I inzegi Lieblingsarbit gits nid. Chese, Chees pflegä, meuchä, zune im Frühelig isch o schön. Usschore tueni o gärn u ds Pfudlä ufm Fäud mit dr Ussicht isch scho schön. U d Gselligkit u dorfe gfautmer oh.»

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Und übersetzt:
«Die eine Lieblingsarbeit gibt es nicht. Käsen, Käse pflegen, melken, oder im Frühling zu zäunen ist schön. Mist auf dem Feld zusammen schaufeln und wieder austeilen mache ich auch gerne, besonders auf dem Feld (Stall fast auf dem Stockhorn) bei dieser Aussicht ist schon schön. Und das gesellige Beisammensein und miteinander schwatzen gefällt mir auch.»

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Weiter meint er, dass man beim Mitmachen bei den Käsewettbewerben gespannt ist, wie das Ergebnis ist. Wenn man einen Preis gewinnen darf, ist das eine grosse Genugtuung und einen innerlichen Stolz auf die Arbeit, die man geleistet hat.

Jeweils froh ist er, wenn er im Herbst das Vieh verladen hat und die Verantwortung wieder dem Bauern übergeben darf, hoffentlich so dass alle Tiere gesund sind und alles gut gegangen ist.

Zu seinen emotionalen Momenten im Zusammenhang mit «Stockä», wie wir sagen, kommt ihm folgendes in den Sinn: Als er das Erste Mal als Besitzer der Alp vom Oberstockensee in Richtung Hütte gelaufen ist, und nach der Geburt seines ersten Kindes, als er im Schnee (es war Mitte Juli) zurück zur Hütte lief. Mit Emotionen ist für ihn auch jedes Jahr verbunden, den Schlüssel am Ende der Saison zu drehen und die Alp für den Winter zu verlassen. Ein grosses Dankeschön möchte er auch an seine Frau Vreni aussprechen, sie verbringen zusammen nun schon den 35. Sommer auf der Oberstockenalp. Schön findet er auch, wie verbunden seine Kinder mit dem Berg sind. 

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In diesem Video erklärt Werner die verschiedenen Käsesorten, die auf der Oberstockenalp hergestellt werden.

Zwei meiner Geschwister werden die Alp in wenigen Jahren übernehmen – aber ich bin sicher, dass Werner auch dann noch «z Bärg» gehen wird. Vielleicht nicht mehr als Chefküher, aber bestimmt mit derselben Leidenschaft und Verbundenheit zur Oberstockenalp wie in den vielen Sommern davor.

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