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Kuhliebe, Muskelkater und Mut – Was bleibt nach dem Alpsommer?
Inzwischen bin ich seit ein paar Wochen zuhause in meinem „alten“ Leben angekommen. Heute möchte ich ganz persönlich von meinem Abschied aus der Schweiz, dem Ankommen in der Heimat und meinen Gefühlen berichten – wie ich auf meinen Alpsommer zurückblicke und was ich davon für mein zukünftiges Leben mitnehme.
Falls ihr auch Interesse an einem Alpabenteuer habt, gebe ich abschliessend noch Tipps, damit euer Sommer zum Alptraum statt zum Albtraum wird. 😉
Der Abschied
Eine Woche nachdem sich bereits die Kühe von der Alp verabschiedet hatten und es oben etwas ruhiger geworden war, nahm auch ich am 9. Oktober Abschied von einer mir zuvor unbekannten Welt, die mir innerhalb von fünf Sommermonaten vertraut geworden war.
Gemeinsam mit meinen Eltern sassen wir am Tag zuvor draussen in der Sonne am grossen Tisch und liessen die schönsten und schwersten Momente Revue passieren. Wir lachten viel, und mir wurde bewusst, wie viel ich in dieser kurzen Zeit erlebt hatte.
Ich freute mich sehr darüber, dass sich die Familie Sieber-Beer bewusst so viel Zeit für unseren letzten gemeinsamen Tag nahm. Rund um den Betrieb gibt es immer viel zu tun – es ist selten, mitten in der Woche einfach nur am Tisch zu sitzen und schöne gemeinsame Stunden zu verbringen.
Die letzte Nacht in meinem Zimmer, das ich mir immer mit einem Helfergast teilen musste, genoss ich mit Vorfreude auf den Gedanken, dass ich ab morgen wieder ein Zimmer für mich allein haben würde – ein Luxus, der mir zuvor gar nicht bewusst gewesen war.

Ein letztes Frühstück in der einfachen Küche mit den beiden Alphelfern Marco und Andreas und meinen Eltern schätzte ich sehr. Die frische Kuhmilch, unseren selbst gemachten Joghurt und die Butter würde ich mit Sicherheit vermissen. Nachdem das Auto gepackt war, lief ich noch ein letztes Mal durch den leeren Stall, atmete die klare Bergluft ein und speicherte das wundervolle Panorama tief in meinem Herzen.
Unten im Tal packten wir einige Kilo Erinnerungen in Form von Käse ins Auto – industrieller Käse würde mir nach so viel Qualität sicher nicht mehr schmecken. Bevor ich mich von meiner lieb gewonnenen Schweizer Familie verabschiedete, ging ich noch einmal auf die Weide, um jeder Kuh persönlich „Ade“ zu sagen. Mit jeder einzelnen hatte ich eine besondere Bindung aufgebaut. Jede hatte ihren eigenen Charakter, und ich lernte schnell, mit ihnen umzugehen. Sie reagierten auf meine Stimme, vertrauten mir als Treiberin und gaben mir in manch kraftlosen Momenten viel Stärke, indem sie Ruhe und Verlässlichkeit ausstrahlten.
Meine Lieblingskühe Sandra, Hanka und Cortina bekamen eine besonders grosse Streicheleinheit. Der Abschied von Christa, Stefan, Rahel und Linda fühlte sich seltsam an – doch ich wusste, dass ich sie wieder besuchen würde und unser Kontakt bestehen bleibt. Nach einigen festen Umarmungen stiegen wir ins Auto, kauften noch einige kulinarische Schweizer Highlights, die ich während der Zeit kennen und lieben gelernt hatte, und machten uns auf den Weg in meine geliebte Heimat – das Sauerland.


Die Ankunft zuhause – Ankommen mit allen Sinnen
Am meisten freute ich mich im Auto darauf, anzukommen, eine warme Dusche zu nehmen und mich anschliessend in ein kuscheliges Bett zu legen. Doch kaum angekommen, wurde ich von meinen liebsten Menschen überrascht – und die Freude darüber liess die Tränen fliessen. Nach einem geselligen Abend und vielen Gesprächen über meine Erlebnisse als Älplerin fiel ich müde ins Bett.
Am nächsten Morgen genoss ich es, etwas länger liegen zu bleiben und nicht auf die Uhr schauen zu müssen. Schon bald jedoch standen die ersten wichtigen Termine für mein zukünftiges Leben an: Vorstellungsgespräche, Arztbesuche, Wohnungsbesichtigungen und mehr. Mein Kalender füllte sich wieder, als wäre er aus einem Dornröschenschlaf erwacht. Ich merkte, dass ich meine Tage nun wieder selbst gestalten konnte – ein unbeschreiblich befreiendes Gefühl!

Nach und nach wusch ich meine Kleidung aus der Schweiz. Als ich die Kiste öffnete, kam mir ein intensiver Stallgeruch entgegen, den ich auf der Alp gar nicht mehr wahrgenommen hatte. Erst jetzt wurde mir bewusst, in welchen Gerüchen ich monatelang gelebt hatte.
Alltägliche Dinge empfinde ich seither als puren Luxus: warmes Wasser unter der Dusche, einfaches und schnelles Kochen ohne vorher Holz nachzulegen, Unabhängigkeit, Ruhe, wenn ich sie brauche – oder Geselligkeit, wenn ich sie suche.
Was nehme ich mit? Stärke, Dankbarkeit und Ehrfurcht
Der Alpsommer hat mich zu einer noch stärkeren Persönlichkeit gemacht. Ich habe gelernt, was ich alles schaffen kann, wenn ich an mich selbst glaube. Eigene Bedürfnisse zurückzustellen, keinerlei Privatsphäre zu haben, immer funktionieren zu müssen und grosse körperliche wie emotionale Herausforderungen zu meistern – das waren bisher die grössten Prüfungen meines Lebens.
Obwohl ich ein ehrgeiziger und disziplinierter Mensch bin, kam ich mehrfach an meine Grenzen. Eine Knieverletzung Anfang Juli war mein erster Rückschlag. Hinzu kam eine kalte, regnerische Wetterphase, die drei Wochen anhielt. Die schneebedeckten Berge, Nachbarsalpen und Kühe, die weiter als 200 Meter entfernt waren, verschwanden im Nebel. Ich fühlte mich eingekesselt. Oft sassen wir mit bis zu acht Personen dicht gedrängt am Küchentisch, und die Stallkleidung wollte einfach nicht mehr trocknen. Ende Juli erreichte ich meine Tiefphase: Nach Wochen ohne freien Tag war ich völlig erschöpft. Einen ganzen Tag lang schlief ich, um wieder zu Kräften zu kommen.
Auch mental hatte ich zu kämpfen. Urlaubsbilder meiner Freundinnen und Berichte über ihre Sommererlebnisse liessen mich zweifeln: Warum tue ich mir das an? Warum arbeite ich so hart? Warum bin ich nicht einfach reisen gegangen?

Doch ich lernte, meine Gefühle anzunehmen und mich selbst zu regulieren. Ich erinnerte mich daran, warum ich das Alpleben kennenlernen wollte, und richtete meinen Fokus auf das, wofür ich dankbar war: das atemberaubende Bergpanorama, die Nähe zu den Tieren, das einfache, aber ehrliche Leben in der Natur.
Auch beruflich habe ich viel gelernt. Ich nahm die Perspektive einer Lernenden ein – und meine Fortschritte wären nie so gross gewesen, hätte mir die Familie Sieber-Beer nicht so viel Vertrauen geschenkt. Von Anfang an ermutigten sie mich, Dinge anzupacken, an mich selbst zu glauben und aus Erfahrung zu lernen. Dafür danke ich Christa, Stefan und den Kindern Rahel und Linda von Herzen.
Oft musste ich schmunzeln, wenn ich an meine Schülerinnen und Schüler dachte: Wie stolz war ich, wenn ich etwas zum ersten Mal allein geschafft hatte – das Wenden des Käses, das Treiben der Kühe, die Bedienung der Melkmaschine und so vieles mehr. Kleine Erfolge, die mich glücklich und stärker machten.
Diese Erfahrung hat mich in meinem Weg als Lehrerin bestärkt: Kindern Vertrauen zu schenken, sie zu ermutigen, ihnen Mut zuzusprechen, wenn sie ihn verloren haben, und ihnen zu zeigen, dass sie alles schaffen können, wenn sie wollen.
Mit Ehrfurcht blicke ich auf die fünf Monate zurück. Ich ziehe den Hut vor allen Älplerinnen und Älplern, die dieses Leben dauerhaft führen. Sie stellen sich selbst zurück – das Wohl der Tiere steht immer an erster Stelle. Ausflüge oder Urlaube sind selten, Erholung ist Luxus.
Mir wurde bewusst, wie viel harte Arbeit und Zeit hinter Milchprodukten – besonders Alpkäse – steckt. Diese Produkte sollten meiner Meinung nach noch mehr Wertschätzung erfahren, denn der Prozess beginnt beim Zäunen der Weiden und endet erst nach monatelanger Reife im Käsekeller: tausende kleine Arbeitsschritte – echte Handarbeit.
Als Lehrkraft sehe ich es als meine Aufgabe, dafür zu sensibilisieren, wie wichtig gute Landwirtschaft für uns und die Natur ist. Mit voller Motivation kehre ich nun zurück in einen bunten Klassenraum voller Lebensfreude, Kreativität und Gemeinschaft – dankbar für all die Abenteuer und Herausforderungen dieses besonderen Sommers.


Tipps für deinen Alptraum!
Bevor du dich auf das Abenteuer einlässt, musst du eines wissen: Es wird niemals so, wie du es dir in deiner Fantasie ausmalst. Selbst wenn dir bewusst ist, dass harte Arbeit auf dich wartet, bleibt die romantische Vorstellung vom Alpleben meist Illusion.
Bevor du eine Alp über zalp.ch oder andere Plattformen auswählst, informiere dich genau: Wie sieht der Alltag aus? Gibt es freie Tage? Wie ist die Wohnsituation? Werde dir klar, was du suchst, und vergleiche deine Vorstellungen mit den Gegebenheiten vor Ort. Wähle zum Beispiel keine Milch-Alp, wenn du morgens auf keinen Fall früh aufstehen möchtest.
Es gibt unzählige Alpkonzepte – eines davon passt sicher zu dir. 😉

Lerne die Gastfamilien am besten persönlich kennen, sobald du eine engere Auswahl getroffen hast. Oft merkt man schon beim ersten Treffen, ob man menschlich harmoniert.
Wenn du dich entschieden hast, besprich mit erfahrenen Älplerinnen und Älplern, was unbedingt auf deine Packliste gehört. Sie wissen, worauf es ankommt – vertraue ihnen und nimm ihre Ratschläge ernst.
Für die Alpzeit kann ich grundsätzlich empfehlen: Lass dich auf alles ein. Vergleiche nicht ständig mit deinem bisherigen Leben – das zieht dich nur herunter. Sei im Moment und konzentriere dich auf das, was dir Kraft gibt. Ich habe mir zum Beispiel einen Lieblingsort gesucht, an dem ich lesen, telefonieren oder einfach entspannen konnte – eine kleine Oase, die ich mir als Belohnung für die harte Arbeit gönnte.
Wenn Zweifel aufkommen, sprich unbedingt mit einer vertrauten Person darüber. Auch Konflikte oder Unannehmlichkeiten solltest du direkt ansprechen, damit sich nichts aufstaut.
Und ganz wichtig: Gestehe dir ein, wenn dir die Aufgaben zu viel werden! Es ist völlig in Ordnung, nicht immer 120 % geben zu können. Sei stolz auf dich – allein, dass du einen Alpsommer durchziehst, ist eine grossartige Leistung!
Denk immer daran: 👉 Du kannst alles schaffen! 💪
Mit diesem Mutspruch danke ich allen Leserinnen und Lesern fürs aufmerksame Verfolgen meines Alpsommers und wünsche allen zukünftigen Alphelferinnen und -helfern einen unvergesslichen Sommer!
Ich danke ausserdem Schweizer Alpkäse, besonders Alex Casanova, für die herzliche Zusammenarbeit. Danke, dass ihr es mir ermöglicht habt, andere Menschen für das Alpleben zu begeistern und neugierig zu machen!
Nachwort
Sophia, du warst eine tolle Bloggerin! Deine Geschichten, vielen schönen Fotos und Filme haben sehr berührt, uns Tränen in die Augen getrieben und uns zum Lachen gebracht. Vielen Dank, dass wir bei deiner Saison auf der Alp dabei sein durften.
Wir wünschen dir von Herzen alles Gute.
Alex und Martin, Dachmarke Schweizer Alpkäse





