„Du suchst das Höchste, das Grösste? Die Pflanze kann es dich lehren. Was sie willenlos ist, sei du es wollend – das ist’s.“ Mit diesen Worten Schillers, die gleichzeitig eine Antwort auf die Frage geben, warum es mich auf die Alp zieht, will ich Sie herzlich zu meinem ersten Blogeintrag begrüssen.

Ich bin eine junge „Kräuterhexe“, die es sich zum Ziel gesetzt hat, mich vom Leben lehren zu lassen, fernab der heutigen Diplomjagd. Deshalb werde ich im Sommer 2014 zum ersten Mal z’alp gehen: auf den Tannisboden, 1475 m.ü.M. im Schangnau. Ich habe das Glück einer erfahrenen Sennenfamilie anzugehören. Genauer gesagt sind das Esther und Ueli Gfeller, sowie ihre Tochter Maria und deren Freund Marcel. Nicht zu vergessen Zita, eine gemütliche Hündin und die beiden Katzen Chicca und Peggy, die sicher schon drauf plangen, sich an der Bergsonne zu wärmen. Neben Alpkäse, Alpmutsch und Alpraclette werden auf der Alp übrigens auch Joghurt und Ziegenkäse hergestellt.

Die Zeit auf der Alp wird für mich sicher eine Herausforderung, jedoch eine, die ich gerne in Angriff nehme. Ich bin gelernte Floristin und leidenschaftliche Gärtnerin und trage gut und gerne zur Verwilderung einiger Quadratmeter Erde bei. Mein kleiner Garten samt Mietwohnung könnte dank ihrer Artendichte also auch als Urwald durchgehen. Wenn ich nicht selbst im Garten oder im Blumenladen zu finden bin, so durchreite ich die Wälder vom Schwarzenburgerland oder helfe auf dem Hof meiner Nachbarn mit. Zudem könnte man mich durch meine vielen Bücher als wissensdurstig bezeichnen – ein weiterer Grund, wieso ich gerne alle Leserinnen und Leser an meinen Erlebnissen auf der Alp teilhaben lassen möchte. Wer weiss, ob ich damit vielleicht sogar jemanden inspirieren kann? Auf jeden Fall denke bzw. hoffe ich, dass durch den einen oder anderen Blickwickel interessante Geschichten entstehen können.

Aber jetzt endlich zur Alp, die ab Juni bis September mein Zuhause sein wird! Weit über der wilden Emme im Tal, thront das Alphüsli Tannisboden, das am Brienzergrat ob Kemmeriboden-Bad liegt. Zurzeit sind sowohl der Kräutergarten hinter dem Haus, als auch die Alpweiden, mit ihren unzähligen Pflanzen, noch von einer dicken Schneeschicht bedeckt. Bald jedoch wird der lästige Germer in die Höhe schiessen, das herzförmige Sumpfblatt so manchen achtsamen Wanderer in Staunen versetzen und der Bergkümmel seine schmackhaften Samen reifen lassen. Diese drei Pflanzen sind mir begegnet, als ich zum ersten Mal den Tannisboden besucht habe.

Vom Pflanzenreich noch kurz zur Tierwelt: Dreiundzwanzig Kühe, 5 Geissen, ein paar Chüngle und 4 Hühner verbringen die Sommer Monate auf dem Tannisboden. Die Geissen haben den Vorteil, dass sie allerlei unliebsame, giftige Gewächse anknabbern, die die Kühe intuitiv stehenlassen. So tragen sie zu sauberen Alpweiden bei, da Gewächse wie der Germer sich mit ihren Wurzeln am Berg festkrallen, wie einst der Teufel an der Schrattenfluh, wovon noch heute die tiefen Furchen zeugen. Merci schon im Voraus ihr lieben Geissen, aber Vorsicht vor dem Wolf, denn dieser ist und bleibt eine grosse Gefahr! Esther Gfeller entlässt die Tiere jeden Abend mit ungutem Gefühl auf die Alpweide, im Ungewissen ob am nächsten Morgen alle Tiere noch wohlauf sind. Es ist deutlich zu spüren, dass die Wiederansiedlung des Wolfs nicht so einfach ist.

Hungrige und durstige Wanderer sind mir da schon lieber. Ab dem Sommer wird am Tannisboden der Selbstbedienungs-Alpkiosk wieder zum Zvieri einladen. Neben den Alpkäsereiprodukten finden sich darin auch hausgemachte Trockenwurst und Sirup und hoffentlich einige von der „Kräuterhexe“ inspirierte kleine Mitbringseli. Für Gruppen ist es auf Voranmeldung auch möglich, einen besonderen Anlass im Alpbeizli zu feiern oder ein Zvieri zu einem einzigartigen Erlebnis werden zu lassen. Bei einer kurzen Führung durch den Tannisboden erklärt Esther Gfeller Interessierten auch gerne mehr über das Leben auf der Alp. Und genau das werde ich in den kommenden Wochen und Monaten auch über diesen Blog versuchen. Viel Spass und bleiben Sie mir treu 🙂