Ein wichtiger Höhepunkt und zugleich der Abschluss der Alpsaison habe ich euch bisher vorenthalten. Der Alpabzug. Er fand statt, bei strahlendem Herbstwetter! Vor dem Abmarsch zweifelte ich etwas daran, ihn bewältigen zu können. Tags zuvor rannte ich anstelle des Hundes (Zora wanderte fälschlicher Weise kurz vor meinem Abmarsch mit Christian auf die Obere Alp) einigen Rindern nach. Diese standen gefährlich nahe beim untersten Zaun, bereits nach Hause drängend. Sie setzten sich zwar brav in Bewegung, als ich kam, liefen aber nur quer zum Hang oder leicht abwärts. Aufwärts zu bewegen waren sie nur, indem ich johlend hin und her rannte. Durch die Schwangerschaft bin ich aber leider nicht mehr so belastbar, irgendwo in der Hüfte verklemmte sich was. Am Abend konnte ich kaum mehr gehen und am Morgen darauf, wars nicht viel besser. Ein Alpabzug zu verpassen kommt aber nicht in Frage! Ich hoffte darauf, dass es nach dem Warmlaufen besser würde, was dann tatsächlich der Fall war zum Glück.

Früh morgens startete der Tag fast wie jeder andere. Ungewohnt war nur, dass der Stall wieder voll war. Neben den laktierenden Kühen (die, die noch zum melken sind) wurden auch die Galtkühe (die, die „Melkpause“ haben, bevor sie bald das nächste Kalb zur Welt bringen) in den Stall gebunden. Gekäst wurde natürlich nicht, das Frühstück fand etwas früher statt. Der Tisch war recht voll mit Menschen die zum Helfen kamen oder einfach dabei sein wollten. Da die Erfahrungen sehr unterschiedlich waren, wollte das Einteilen der Helfer gut überlegt sein. Christian liess sich damit Zeit bis zum letzten Moment.

Jemand kletterte hinauf bis unter den Dachfirst um eine grosse Treichel herunter zu holen, die dort zur Dekoration aufgehängt war. Ich will lieber nicht wissen wie, habs nicht gesehen… Das Erklingen dieser Glocke liess das Herz aber bereits höher schlagen!

Dann gings los. Einige gingen los zu den Rindern, um sie zusammen zu treiben. Einige gingen mit Menzis Kühen voraus. Zusammen mit fünf Rindern wurden Sie vom Bauern empfangen und nach Hause geholt. Er wohnt recht nahe der Alp, auf diese Weise erübrigte sich das Sortieren aus der marschierenden Herde.

Nach genügend Abstand wurden dann alle Kühe rausgelassen. Die Grossmütter brachten noch kurz Stall und Hütte in Ordnung und brachten dann die Kinder zum Holzerplatz.

Die Kühe verstanden schnell. Und rannten auch recht schnell. Schneller als sonst meist. Wobei, vielleicht kam mir das ja auch nur so vor, unter meinen „Umständen“.

Zuerst konnten wir uns noch Zeit lassen. Aber spätestens im unteren Altenboden galt es, die Tiere zu überholen. Im darauf folgenden sehr steilen Waldstück ist es wichtig, dass nach wenigen Tieren immer ein Treiber kommt, damit es nicht zu gefährlichen Rangeleien kommt.

Bald waren wir unten beim Holzerplatz. Hier gab es einen Stopp. Die Kühe bekamen grosse, Glocken und einen schönen Kopfschmuck. Die Menschen ein weisses Hirthemd. Nicht lange und wir sahen oben durch den Wald die Rinder rennen. Ja, auch sie waren rasanter unterwegs als in anderen Jahren. Wo bleiben nur die Kinder? Was wäre das für eine Enttäuschung, wenn sie den Anschluss verpassen würden! Einige versuchten noch die Rinder etwas zu bremsen und aufzuhalten, der letzte Kopfschmuck wurde befestigt, und los… In der ersten Kurve standen Minna, Noah und Gotti Selina mit Hanna auf dem Rücken bereit. Minna kam mit mir zu vorderst. Letztes Jahr bekam sie es noch mit der Angst zu tun mit den vielen grossen, lauten, behornten Kühen im Rücken und wich aus zu ihrem Gotti. Dieses Jahr schritt sie stolz den ganzen Weg zügigen Schrittes mit mir und Cousine Stefanie voraus. Noah wollte mit den anderen Buben zwischen Kühen und Rindern gehen. Oder mal eine Abkürzung, oder mal mit Papi, der unser Maultier Luna führte. Hanna wurde mit dem Gotti ganz nach hinten geschickt. Wenigstens dieses Jahr sollten ihre Ohren noch etwas geschont werden.

So schritten wir dem Tal entgegen. Manchmal mit allen Sinnen den Moment geniessend. Mal versunken, mal gedanklich den Alpsommer revue passieren lassend. Friede, Freude Eierkuchen herscht oben nicht mehr wie unten. Aber auf der Alp ist das Leben intensiver, echter… (Minutenlange hirne ich jetzt schon über dieses Gefühl nach und studiere, wie es zu formulieren wäre, aber ach… man muss es wohl erleben)

So erreichten wir alsbald die Kerenzerbergstrasse. Hier mit dem Verkehr, stieg bei mir die Spannung etwas. Wenn bloss keine Kuh ihre grosse Glocke über eine Motorhaube schleift! Zwei Personen rannten nun vor uns her, stoppten Autos, wiesen sie ein und stellten sich im Wechsel schützend davor. Liebe Autofahrer, falls ihr mal in einen Alpabzug grät: sucht euch ein geschütztes Plätzchen zum Halten, oder schliesst möglichst eng an das vor euch haltende Auto auf, damit die Kühe keine Zwischenräume auskundschaften können, wir haben zwar viel, aber doch nur begrenzt Personal. Vielleicht traut ihr euch sogar, auszusteigen und selber vors Auto zu stehen?

Am Strassenrand warteten strahlende und winkende Leute. Zur Stärkung wurden uns Getränke und Schoggistängeli angeboten. Die Kinder freuten sich über Schleckstängel. Ein Alpabzug scheint noch immer sehr vielen Leuten ans Herz zu gehen. Im Glarnerland wird das nicht touristisch koordiniert, ist daher auch völlig echt. Im Dorf gehen überall Fenster auf, bewegen sich Vorhänge, stehen und winken Leute.

Das Pfannenwiesli am Dorfrand war das Ziel. Hier durfte sich die ganze Herde auf das saftige Grün stürzen. Alle zusammen waren sie jetzt da… Noah setzte sich ermattet auf die Strasse, ich begann wieder zu hinken und war stolz auf meine Kinder! Bereits Minuten später waren sie wieder am Spielen beim Bach. Die meisten Tiere blieben jetzt eine Weile hier. Nur die Melker-Kühe und sehr bald kalbernde Kühe sortieren wir aus und nahmen sie mit hinauf zu unserem Hof. Auch dort wartete eine frische Wiese auf sie. Und für uns Menschen gab es Spaghetti. Die beiden Grossmütter hatten in der Zwischenzeit dafür gesorgt, dass in der Küche alles rund lief. Ich war also wieder zu Hause, hatte über zwanzig Gäste im Haus und brauchte mich trotzdem um nichts zu kümmern. Das ist sowieso wunderbar! Fühlt man sich aber wie ein lahmes Walross, ist das schlicht grandios! Was war ich froh, konnte ich mich einfach nur setzen und geniessen! Nach einem geselligen miteinander ging es schon bald wieder an die Arbeit. Die Tiere mussten nun noch sortiert werden, jeder Bauer musste seine Tiere verladen. Unsere Galtkühe gingen zu Fuss weiter auf eine grössere Weide. Die Rindli blieben noch einige Tage auf dem Pfannenwiesli. Auch zurückgebliebene Autos mussten noch geholt werden, die Küche aufgeräumt und dann war schon bald wieder Melkzeit…