Ein lauter Knall. 06:08. Hellwach. Es regnet. Man wünscht sich noch einmal zurück in die Träume.

 

Schliesslich stehe ich auf. Draussen regnet es in Strömen, der Mittelstreifen unserer Strasse ist ausgeschwemmt. Aussicht ist gleich null. Dicker Nebel schleicht um die Alphütte. Wir sind mitten in einem Gewitter, es blizt und donnert mit kurzen Abständen. Der Morgenhimmel wird jeweils hell erleuchtet. Auch während des Zmorgens regnet es noch. Die lauten Donner lassen ein ungutes Gefühl in der Magengegend entstehen.

Im Wäschezuber vor dem Haus haben wir Mühe, das Feuer am Brennen zu halten um Wasser fürs Brühen abzukochen. Ueli verlässt kurz nach dem Zmorge den Tannisboden, kehrt noch einmal zurück um seine Stiefel zu holen. Als Gemeindepräsident von Schangnau muss er heute zu einer Sitzung.

Wenig später ruft uns Maria laut, wir sollen gegen den Schibegütsch schauen. Ein erschreckendes Bild. Der Schibegütsch ist weiss. Laut der Temperaturanzeige kann es aber kein Schnee sein. Es ist weiss von Hagel. Überall stürzen Bäche in die Tiefe, wo sonst keine sind. Ein Blick gegen das Tannhorn. Auch hier fliesst reichlich Wasser in den Furchen des Berges, die man sonst nicht so deutlich sieht. Jetzt wird klar, dass ist zu viel Wasser.

Mit dem Feldstecher sieht man bereits ein erstes Ausmass der Regenfälle. Unzählige Erdrutsche sind abgegangen. Und schon kommt ein Telefon von Ueli, unser Auto steht jetzt im Kemmeriboden. Während der Fahrt durch die Bockenschlucht, war die Emme so hoch, dass sie ans Auto gespritzt hat. Unglaublich tönt es, was Ueli erzählt. Man kann es sich hier oben gar nicht vorstellen.

Allmählich klart es auf, immer mehr abgerutschte Hänge werden sichtbar. Und jetzt die Meldung, Bumbach- Schangnau gesperrt. Via Internet sehen wir einige Bilder des Hochwasser. Immens, was Wasser in so kurzer Zeit für eine Kraft erreichen kann.

Während wir den Mutsch herausnehmen, geht das Telefon von unserer Nachbaralp. Eine Kuh sei zu besamen. Im Allgäuli. Da wir ja von hier aus relativ wenig helfen können, machen wir uns also auf den Weg ins Allgäuli. Das Vieh der Riederenalp weidet im Sommer einige Wochen einige Höhenmeter unter der Allgäulücke. Zur Orientierung, von der Lücke aus, hat man einen wunderbaren Ausblick auf den Brienzersee.

Mit Matthias und Julia fahren wir eine haarsträubende Strasse hoch. Weit weg scheint das Unwetter, strahlend blauer Himmel erwartet uns. Unzählige Mitglieder der Alpenflora präsentieren sich in ihrem besten Licht. Nach der Arbeit besteigen Maria und ich die Allgäulücke auf 1918 m.ü.M. Wunderbar. Unglaublicher Ausblick.

Trübe braune Streifen am Seerand zeugen aber auch hier von starken Gewittern. Mit einem Apfel und einem Rivella im Magen, machen wir uns schliesslich an den Abstieg. Vorbei an verblühten Anemonen, Alpenrosen und vielen vielen mehr. Im Moment besonders schön der Alpendost. Diese 400 Höhenmeter machen einiges aus. Die Flora ist hier einige Wochen ‚hingerdri’.

Wieder zurück auf dem Tannisboden, geht es ans Guschtküeh rauslassen, Ziegen melken, Kalber auslassen, misten und Mist verlegen (Ein Beschäftigung, die ich sehr gerne habe. Es gibt viel Schönes. Aber ein schöner Miststock ist etwas besonders Schönes.).

In der Tagesschau sehen wir noch einmal erschreckende Bilder. Für die Betroffenen muss es unfassbar sein. Maria kann schliesslich über eine errichtete Notbrücke wieder nach Hause. Unterwegs ruft sie uns noch einmal an. Sie sagt, die Bilder der Tagesschau seien Nichts gegen die Wirklichkeit. Es sei trostlos und unglaublich traurig, was da passiert sei.

 

In diesem Sinne wünschen wir, die glücklichen Alpbewohner, ins Tal – viel Mut und Kraft.

 

Kathrin