Es sind im wahrsten Sinn des Wortes, Tage und Wochen des Abschieds, die wir hinter uns haben. Dass der Alpabzug dieses Jahr noch im August sein würde, konnten wir an den Fingern abzählen. So zügelten wir nach einer Bergzeit von etwas mehr als elf Wochen  in die Vorsass und nahmen von unserem gut eingespielten Alpalltag Abschied. Es regnete nur einmal an diesem Vormittag, aber in Strömen. Damit mussten wir rechnen, denn die andauernd nasse Wetterlage hielt sich nach wie vor beharrlich über unserem Land. Überschattet waren diese Tage durch den Tod unserer betagten Tante Mali. Die ehemalige Sennerin legte mit dem Ende des Alpsommers ihr Leben zurück in Gottes Hand und verabschiedete sich still von den  Menschen, die ihr im Leben nahe standen. Zu diesen Menschen gehörte auch unsere Familie, lebten wir doch über dreissig Jahre in ihrem Haus. Als zehnjähriger Knabe wurde mein Mann Alfred  bei seinem Onkel und seiner Tante  Statterbub, damals noch auf dem Stalden, einer Gemeinschaftsalp mit vier Sennhütten. Dort lernte er das Handwerk von der Pike auf. Melken von Hand, Ställe „schore“ mit Holzschaufeln oder beim Brunnen Milchgeschirr waschen war an der Tagesordnung. Als landwirtschaftlicher Mitarbeiter  setzte er seine Karriere fort und rührte den Käse noch von Hand. Später wurde seine Familie einbezogen in alle  Arbeiten, die im Alp- und Talbetrieb anfielen. Und nun hiess es Abschied nehmen von dieser lebensmüden Frau, deren Pächter wir wurden und die unser Familienleben massgebend geprägt hat. Dass  wir in den letzten Wochen mehrmals an Beerdigungen von Menschen aus unserem Bekanntenkreis teilnahmen, brachte uns die Endlichkeit unseres irdischen Daseins so richtig vor Augen. Für uns alle werden Tage kommen, an denen nicht zählt, ob uns der Käse gut gelungen ist und wie wir ihn vermarktet haben. Die  Sennhütte, die wir bewohnten und in der wir mit Leidenschaft gearbeitet haben, wird weiter  bestehen und die nächsten Generationen werden sie nutzen und die Alpweiden bewirtschaften. Welche Werte lebten wir und gaben wir weiter? Liebten wir im Leben, ermutigten oder erniedrigten wir  unsere Mitmenschen, konnten wir vergeben, wurde uns vergeben? Solche und ähnliche Fragen  wurden mir wichtig,  als der Gedanke an den „Chühscheid“ des Lebens mir in den vergangenen zwei Wochen so nahe kam. Trotz Trauer und Melancholie geht das Leben weiter, die Bergwäsche muss erledigt werden, das Wetter lässt uns Emden und das „Gnusch“ im Mittelbergstafel ruft nach Veränderung.